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Gesche Santen

Von Unkraut und Talent: Die Geheimnisse der botanischen Malerei | Feldnotizen von Gesche Santen

Published 5 months ago • 5 min read

Hallo Reader,

diese Mail ist die Textversion meines aktuellen Videos. Du kannst also in Ruhe lesen, oder gleich zum Video durchklicken, wenn dir das lieber ist:

video preview

https://youtu.be/wRqg9qDOooU

Unkraut-Mindset: Der Schlüssel zur erfolgreichen Blumenmalerei

Es gibt zwei Dinge, die sind für mich unwiderstehlich:

  1. Ein gut durchdachtes System
  2. Und ein besonders dummer Wortwitz.

Beides habe ich heute für dich!☺️

Genaugenommen geht es darum, welche drei Dinge du brauchst, um realistische botanische Illustrationen zu malen.

Und darum, dass ich dir versichere, dass es nicht deine Schuld ist, wenn es bisher nicht geklappt hat.

Aber erstmal zurück an den Anfang.

Da steht der Traum vom Blumen malen.

Du hast vielleicht eine diffuse Vision von dir im Kopf, wie du durch die Wiesen (oder den Park) streifst, dich von der Schönheit der Wildblumen inspirieren lässt und sie im Anschluss malst. Stolz blickst du auf dein Werk und hängst es vielleicht sogar auf.

Alles hinterlegt mit einem softgoldenen Filter und einem Studio Ghibli Soundtrack — natürlich.

Doch unsere Realität sieht meist anders aus.

Nicht nur, weil wir keine viktorianischen Ladys mit scheinbar endlosen Geld- und Zeit Budget sind.

Sondern auch, weil wir ein Perfektionismus-Monster im Nacken sitzen haben, dass uns unüberhörbar zuflüstert (oder vielleicht sogar brüllt):

Du hast ja eh kein Talent!”

“Was, wenn du jetzt das gute Papier versaust!”

“Das wird ja schon wieder nichts!”

“Habe ich es dir nicht gesagt: Hässlich. Ungenau. Stümperhaft.”

Ich habe auch so ein Monsterchen bei mir im Studio rumschwirren. (Meistens sitzt es nicht mehr direkt im Nacken.)

Und viele meiner Schüler:innen beschreiben mir Gedanken, die sich auch verdammt nach einem Perfektionismus-Monster anhören.

Das ist nicht wirklich überraschend.

Denn die allgemeine Annahme ist, dass du, wenn du lernen möchtest botanische Aquarelle zu malen, zwei Dinge brauchst:

Du musst die Aquarelltechnik können und, wenn du damit soweit bist, dann musst du üben, üben, üben.

Wenn die ersten Versuche nicht gut aussehen, dann musst du noch besser die Technik “beherrschen” und noch mehr Üben, Üben, Üben.

Wenn dann am Schluss nicht das erwünschte Ergebnis dabei rumkommt, dann kann nur eines fehlen: Das Talent.

“Hättest du nur Talent, dann wäre die Rechnung aufgegangen.” flüstert dir dein Perfektionismus-Monster lachend ins Ohr.

Das ist Poseidonseidank Blödsinn!

Es war einmal ein Gesche…

Ich habe schon öfter erzählt, dass ich mit der botanischen Malerei nach meinem Ökologie-Studium begonnen habe, als ich voller Panikattacken und mit chronischen Schmerzen zu Hause saß und irgendwie versuchte, wieder aus meinem Loch raus zu krabbeln.

Die Therapeutin hatte mir “was Schönes nur für mich machen” verordnet.

Und so setzte ich mich auf mein Rad, fotografierte die Wildpflanzen, die ich interessant fand und fing, wie von selbst, an sie im Anschluss zu malen.

Endlich nahm Freude und Kreativität wieder Raum ein in meinem Leben. Endlich hatte ich eine Achtsamkeitspraxis gefunden, die zu mir passte.

Endlich ging es mir wieder besser.

So schön. So poetisch. So verkürzt.

Denn, was danach geschah, war natürlich nicht, dass ich für immer glücklich und zufrieden Blümchen malte.

Stattdessen wurde ich ehrgeizig. Ich wollte, dass meine Bilder “was werden”, dass meine Pflanzenportraits besser, schöner, echter aussehen.

Ich lieh mir tausend Bücher zum Thema botanische Illustration aus. Ich sah mir Onlinetutorials an.

Doch, wenn ich einen Pinsel in die Hand nahm, dann war mein Perfektionismus-Monster auch dabei. Ich wurde immer unzufriedener mit meinen eigenen Bildern.

Was mal als Lebensfreude spendendes Hobby begann, wurde zur endlosen Quelle an Unzufriedenheit und Enttäuschung.

Perfektionismus-Monster-Investition

Das perfide an so einer Perfektionismus-Monster-Investition: Es ist völlig egal, ob meine Bilder zu der Zeit nur wirklich “schlecht” oder “gut” waren.

Ich war in einer Perfektionismusspirale aus immer während wachsenden Ansprüchen gefangen. Und mit jeder technischen Weiterentwicklung, die ich hatte, wuchsen auch die Anforderungen, die mein Perfektionismus-Monster an mich hatte.

Ich hatte den Kern der Sache vergessen. Dass das Malen des “schönen Bildes” am Ende nicht das Ziel war, sondern auch nur Teil des Weges.

Dass es darum ging, raus zu gehen, etwas zu entdecken, was mich bezauberte und dem dann auf meinem Papier mit meinen Farben Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken.

Zurück zu meiner falschen Rechnung von vorhin:

Es stimmt natürlich, dass du ein grundlegendes Verständnis für Aquarellfarben brauchst, wenn du mit ihnen Malen willst.

Du musst aber keine Techniken “beherrschen”. Du kannst gleich mit dem Üben anfangen.

Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich meine kompakten Durchstarter Workshops erstellt habe, damit du nach 90 Minuten genug weißt, um mit dem Blumen malen los zulegen.

Egal ob mit meinen Tutorials, mit anderen oder mit deinen eigenen Motiven.

“Üben” ist nicht etwas, dass getrennt ist von der eigentlichen Praxis des Blumen Malens.

“Üben” geht am besten an Motiven, die dich interessieren. Du musst dir deine Lieblingsblume nicht aufsparen, bist du vermeintlich “gut genug” bist.

Zumal dir dein Perfektionismus-Monster eh immer erzählt, dass dein Bild sch*eibenkleister ist.

Nichts geht darüber, es einfach auszuprobieren.

Anzufangen.

Wenn wir alle Anfänger am Anfang sind, die Anfängerfehler machen, dann hilft nur eins Anfangen … und durch 😊

Wir müssen eben nur lernen, uns dabei von den Botschaften unseres Perfektionismus-Monsters nicht entmutigen zu lassen.

Was noch fehlt ist also nicht etwa Talent, oder dem Druck vom Monster nachzugehen.

Was fehlt ist etwas, was dich immer wieder zurück holt, wenn du drohst im Gedanken-Malstrom des Perfektionismus zu versinken.

Was dich immer wieder darauf besinnt, worum es ursprünglich mal ging: Wildblumen bewundern und feiern.

Was fehlt ist das Motive entdecken, Gucken, Staunen.

Was fehlt ist das (Trommelwirbel): Unkraut Mindset .* (Applaus. Applaus)

*Ich habe das früher immer mit “Sanftes Mal-Mindset” beschrieben

Was meine ich damit?

Wir brauchen beim malen lernen nicht nur Aquarelltechnik und Gelegenheit zum Üben.

Wir brauchen auch eine Innere Haltung, mit der wir unserem Perfektionismus-Monster entgegentreten können.

Nicht mit Druck und Vorwürfen, dass füttert unser Monster nur an.

Sondern mit sanfter Bestimmtheit.

Unkraut (liebevoll) ist dabei, mein Sinnbild.

Es lädt dich ein resilient zu sein, eine gewisse Widerspenstigkeit zu zeigen.

Nur weil du regelmäßig zwischen den Pflastersteinen den Löwenzahn ausrupfst, lässt der sich nicht davon abhalten, es immer wieder zu versuchen.

Es steht dafür geduldig zu sein mit dir und vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken, die du vielleicht noch gar nicht sehen kannst.

Was mit einem mikroskopisch kleinem Samen im Kompost beginnt, blüht dieses Jahr vielleicht ganz schön und kann nächsten Sommer dein ganzes Gemüsebeet übernehmen.

Zäh, wie ein Giersch im Staudenbeet und neugierig, wie ein Gänseblümchen auf einem Golfplatz, stellen wir uns unserem Perfektionismus-Monster entgegen.

Denn nur, wenn wir neben den Technikgrundlagen und unseren ersten Mal-Übungen auch lernen, uns unsere Freude am Malen zu erhalten, malen wir mehr und kommen unserem Traum vom Anfang näher.

Deshalb sind in dem neuen Gemaltes Herbarium Kurs auch zum ersten Mal Unkraut-Mindset Lektionen

fest integriert, in denen ich dich z.B. einlade einmal hin zu horchen, was dein persönliches Perfektionismus-Monster dir so erzählt, sodass wir ihm gemeinsam mutig entgegentreten können.

Frohes Entdecken und Aquarellieren. Und bis zum nächsten Mal.

Gesche

Gesche Santen

Wildblumen in Aquarell

VERZAUBERTE REALISTIN Zur einen Hälfte bin ich verkopft und voller Wissen über Pflanzenökologie. Zur anderen Hälfte ein tagträumender Waldschrat mit Schalk im Nacken. Auf jeden Fall immer bestückt mit Bestimmungsbuch und Aquarellfarben, um den Zauber der heimischen Flora einzufangen.

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